Glass Sculpture

Erst fällt nur der kühne Kontrast der Materialien ins Auge, in denen einige der Objekte sich darbieten: die flaschengrüne Glaslarve, die senkrecht an einem rohen Holzscheit klebt („New Life“…). Oder die bläuliche Glasblase, die auf dem ruinösen Rest einer Art Schädelkappe aus Aluminium ruht.

Der Titel „If you take away the bottle you take away the genie“ ist zugleich ironischer Kommentar: Der innewohnende Geist zeigt sich als nach außen gestülpte Blase. Wenn Schnecken oder raupen über Steine und Metalle kriechen, entsteht ein ähnlicher Kontrast.

Je länger man die Objekte, Bilder, Collagen und Zeichnungen dieser „Alternative Universen“ genannten Ausstellung in der Galerie Kornfeld betrachtet, desto mehr erkennt man, wie die Erkundung des Materials, der Stoffe, ihrer Reibung und Verträglichkeit miteinander, an die Gesetze unserer Ratio rührt, sie zu spiegeln und gleichzeitig zu durchstoßen und zu neuen Dimensionen zu öffnen versucht. Titel einzelner Objekte, ob ironisch-heiter oder ernst sowie bestimmte wiederkehrende Codes geben dem entdeckenden Auge Hinweise. Da ist das „Selfie between Litho and Atmo“, wo wiederum Glas und Stein sich zu einer angedeuteten Schädelform verbinden und untergründig die Frage aufwerfen, ob das sogenannt Anorganische, die tote Materie, nicht denselben Geist atmet wie die organische? Um mit der Frage zugleich eine mögliche Antwort zu geben, die in den multi-universalen Gesetzen liegt, denen die Hirnforschung derzeit auch im Inneren des Kosmos Mensch nachgeht.

Susanne Roewer scheint genau diese Zusammenhänge künstlerisch ermitteln zu wollen – in der Erkenntnis, dass die schmalbrüstige Ratio längst, ja immer schon, von der Ahnung der Künstler und Mystiker überschritten wurde.

Auch dafür gibt es in der Ausstellung eine Schlüsselfigur, dargestellt in einer mehrteilig verbundenen Skulptur aus Bronze, Kupfer, Messing und Schmiedeeisen. An einem großen Blatt hängt ein kleiner, glänzender weiblicher Torso, „Hypatia“, benannt nach einer legendären Mathematikerin und Philosophin aus alexandrinischer Zeit, die den Quellen zufolge große Schönheit mit überragender Intelligenz verband. Qualitäten, unerträglich für ihre Mitmenschen, die schließlich zu ihrer Ermordung führten. Eine außergewöhnliche Gestalt, die eben das verband, was als Material und spirit, als ihre Kontrastierung und Verschmelzung, als Aufeinandertreffen von männlich und weiblich samt allem, was dazwischen und darüber hinaus, das hintergründige Thema der Ausstellung ist.

Neben jenen als Ellipsen angelegten „Rotations“-Bildern – allesamt Zeichnungen und Collagen, die immer neue Darstellungen der Menschenwelt im kosmischen, zerebralen oder embryonalen Erinnerungsgefüge wiedergeben – findet sich im letzten Raum eine zweiteilige Skulptur, die sich „Paralleluniversen“ nennt:  die eine Plastik aus versilberter Bronze, die andere aus Eisen: Im versilberten Fragment ein männlicher Kopf im Halbprofil, dem seitlich ein kegelförmiger Stumpf entwächst, Rest eines Arms oder Flügels, der schräg nach oben weist. Eine Pathosgeste, die an Michelangelo erinnert, an den ausgestreckten Arm des sixtinischen Schöpfergottes, der Adam zum Leben erweckt. Hier aber scheint die Schöpfergeste dem Menschen selbst einverleibt, zeigt sich dieser wie sich selbst befreiend aus den Fesseln der Materie, den Blick voller Sehnen in die Ferne gerichtet. Schräg im Abstand darunter gesetzt eine pyramidenförmige dunkle  Eisenplatte, in deren linker Ecke ein goldfarbener Kreis angedeutet ist:

Mond oder Sonne?                                                      Von Marleen Stoessel für den „Tagesspiegel“, 6.1.2018

 © 2019 Susanne Roewer

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